Mittwoch, 13. April 2016

Leistungsschwache Schüler nicht gleich doofe Schüler

Auszug aus der DIHK-Unternehmensbefragug „Ausbildung 2015“ 
Betriebe weiten Ausbildungsmöglichkeiten für leistungsschwächere Jugendliche aus. Rund 75 Prozent der Ausbildungsbetriebe haben sich auf leistungsschwächere Jugendliche eingestellt. 2014 waren es erst 67 Prozent.

Leistungsschwächere Auszubildende erhalten mehr Unterstützung während der Ausbildung. 36 Prozent der Betriebe bieten ein eigenes Nachhilfeangebot im Unternehmen. Das entspricht einem Zuwachs um fünf Prozentpunkte im Vergleich zu 2014. Mit der Offenheit für die leistungsschwächeren Schulabgänger ist somit auch der Anteil der Betriebe gestiegen, die sich weit über die Vermittlung von Ausbildungsinhalten hinaus für ihre Azubis engagieren und zusätzliche Lerngelegenheiten im Betrieb anbieten.

Ausbildungsbetriebe entdecken notgedrungen leistungsschwache Schüler als Zielgruppe. Vielleicht entwickelt sich hier aber auch eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Leistungsschwach ist ein Prädikat, dass Schülern zugewiesen wird, deren Noten eher mäßig ausfallen, in einzelnen oder den meisten Fächern. Wer sie alle über einen Kamm schert, macht es sich zu leicht. Hier geht es um Jugendliche, die einen stärkeren Praxisbezug brauchen, um sich Inhalte einzuprägen zu können, die Wissenslücken über Jahre mitschleppen und immer weiter ins Trudeln kommen, die das Interesse verlieren, weil sie in der Schule nichts gewinnen können, die sich zurückziehen oder auf „anderen Wegen„ Respekt verschaffen, die kein Ziel haben, wofür sich diese Anstrengung lohnt.
Möglicherweise ist für Jugendliche, die unter die Kategorie „leistungsschwächer“ fallen eine Ausbildung der geeignete Einstieg ins Berufsleben. Viele unbesetzte Lehrstellen veranlassen Unternehmen zudem Rahmenprogramme ergänzend zur Ausbildung zu entwickeln, die eine Art zweite Chance für Versäumtes sein können. Für Betriebe wird sich in diesem notwendigen Engagement immer wieder erweisen, dass „leistungsschwache“ Schüler nicht gleich dumme Schüler sind.
Aus eigener Erfahrung erzählt Yigit Muk in seinem Buch „Muksmäuschenschlau“. In Neukölln aufgewachsen, Mitleid einer Jugendgang, zweimal sitzengeblieben, mit einer Empfehlung für die Hauptschule. Niemand hätte zu diesem Zeitpunkt geglaubt, dass er einmal (2012) Berlins bestes Abitur schreiben würde. „Wie ein Kanake zum Einserschüler wird, was an Deutschlands Problemschulen wirklich los ist, und welche Rolle Lehrer und Gesellschaft dabei spielen“,beschreibt er in seinem Buch.
Die Erfahrungen der Unternehmen, wo sich bei den Jugendlichen Bildungslücken auftun und welche Wege sie zur Lösung gewählt haben, kann die Diskussion über eine Weiterentwicklung schulischer Bildung nur befruchten.