Es gibt immer einen Weg - Fazit einer jungen Frau die ihre Profession gefunden hat





fye:
Sylvia, Du hast mit viel Ausdauer Deinen eigenen Weg gefunden, hin zu einem Berufsfeld, dass Dir entspricht. Wenn Du heute auf Deine Schulzeit zurückschaust, welche Erinnerungen verbindest Du damit?
S:
Ich bin immer gern zur Schule gegangen. Ich bin schon gern in den Kindergarten gegangen und auch gern zur Schule. Das war immer mein Ding. Ich denke, ich war von den Leistungen her auch ganz gut, so im oberen Drittel (lacht). Ich war auch immer schon sehr stark Autodidakt. Wenn ich kochen lernen wollte, habe ich mir ein Kochbuch genommen usw.. Das Lernen an sich, immer wieder Neues zu erfahren, hat mir einfach Spaß gemacht. Ich fand Mathe spannend, ein bisschen auch Deutsch. Das kam aber immer sehr auf die Lehrer an. Rückblickend muss man sagen, dass die Schule auf der ich war, keine sehr gute Schule war. Das ärgert mich so im Nachhinein.


fye:
Hätte es denn die Möglichkeit gegeben, auf eine andere Schule zu wechseln?
S:
Das weiß ich nicht. Aber meinen Eltern haben sich da wenig eingebracht.

fye:
Was sind Deine Eltern von Beruf
S:
Mein Vater hat fast sein ganzes Berufsleben lang als Lokführer gearbeitet. Meine Mutter hat keine Ausbildung. Sie ist, wie es damals üblich war, gleich in die Fabrik, später hat sie in der Gastronomie gearbeitet und zum Schluss als Verkäuferin im Einzelhandel.

fye:
Sylvia, Du warst eine gute Schülerin. Stand nie die Überlegung im Raum, nach der Grundschule aufs Gymnasium zu wechseln? Hast Du seitens der Grundschule keine Empfehlung dafür bekommen?
S:
In die Gespräche mit dem Klassenlehrer war ich nicht eingebunden. Ich weiß nicht, was da besprochen wurde. Da ich wegen eines Schlittenunfalls in meiner Grundschulzeit immer wieder Kopfschmerzen hatte, wollten meine Eltern mich wohl schonen und fanden, dass die Realschule leichter zu bewältigen wäre.

fye:
Hattest Du als Kind einen Traumberuf?
S:
Nee, nicht wirklich. Ich wollte mal eine Zeit lang Stuntfrau werden (lacht), aber ich glaube nicht, dass das so ernst zu nehmen war. Das lag wohl daran, dass ich in Judo richtig gut war. Das war das erste Mal, dass ich in Sport eine Eins hatte.

fye:
Hattest Du zum Abschluss Deiner Realschulzeit eine Ahnung, in welche Richtung es für Dich beruflich gehen sollte?
S:
Mit 16 Jahren war ich ziemlich orientierungslos. Ich war deshalb auch mehrmals im BIZ (Berufsinformationszentrum). Da ging es aber eher um eine Art Stärkenportfolio. Damit konnte ich damals nicht wirklich viel anfangen.
Es gab auch keine Beratung, in der mir schlussendlich Berufe vorgeschlagen wurden. Es war eher ein Art Selbststudium unter dem Motto: „Guckt mal was wir hier alles haben und macht mal den Test. Danach sucht euch die Bögen raus, die dazu passen.“
Ich hatte damals Ambitionen Richtung Hotelfachfrau oder Hauswirtschaft. Diese Arbeit hat mich wirklich sehr interessiert und wann immer es um meinen Berufswunsch ging, hab ich das auch angegeben. Aber in meinem Umfeld schlugen dann alle die Hände über dem Kopf zusammen und riefen, „Oje, bloß nicht, da gibt es ja gar nichts.“
Mein erstes Praktikum war dann im Forst. Das war so meine zweite Idee, etwas Richtung Forstwirtschaft/Naturwissenschaften zu machen. Aber auch da haben alle wieder nur den Kopf geschüttelt und gesagt: „Oje, als Frau, das geht gar nicht“. Das hat mich doch sehr verunsichert.
Heute denke ich, „IT“ wäre gut gewesen. Das hat aber keiner gefördert. Meine Tante hat uns damals einen ausrangierten Computer geschenkt, auf dem ich mir anhand von Büchern einiges beigebracht habe. Die Computersachen habe ich dann aber wieder aufgegeben, weil ich sie erst mal nicht weiter verwenden konnte.
 
fye:
Schließlich hast Du eine Ausbildung bei der Bahn absolviert. 
S:
Zum Bahnberuf kam es, weil mein Vater Lokführer war. Da war es (für ihn) naheliegend, dass auch ich bei der Bahn anfange. Es schien in seinen Augen solider zu sein als Haus- oder Forstwirtschaft. Er hat diese Entscheidung maßgeblich beeinflusst. Meine Mutter hat sich in solche Dingen eher rausgehalten. Also absolvierte ich eine Ausbildung zur Eisenbahnerin im Betriebsdienst.

fye:
Nach der Realschule noch das Abitur zu machen, kam für Dich nicht in Frage?
S:
Nein, ich wollte was Eigenes machen, Geld verdienen und zu Hause ausziehen. Das ging nur über eine Ausbildung. Aber wäre es mit dem EiB nichts geworden, wäre ich wahrscheinlich auf die FH gegangen.

fye:
Womit hast Du Dich als Eisenbahnerin im Betriebsdienst beschäftigt?
S:
Ich habe insgesamt 9 Jahre als Fahrdienstleiterin auf einem Stellwerk gearbeitet.

fye:
Und Fahrdienstleiterin war nicht Dein Beruf fürs Leben?
S:
Nach 9 Jahren ging es einfach nicht mehr. Deshalb habe ich alles versucht, um innerhalb der Bahn ins Büro zu wechseln. Der Schichtdienst hat an den Kräften gezehrt und auch die Tätigkeit als solche war nicht mein Fall. Ich war nur noch müde oder habe geschlafen, eine Erschöpfung von der ich mich, trotz des Wechsels, erst nach Monaten erholt habe. Ausschlaggebend war aber auch, dass ich in dem Beruf nicht weitergekommen wäre und die Einsicht, dass mir ein Disponenten-Job nicht liegt. Manchmal ist gar nichts los und dann gibt es von jetzt auf gleich einen Notfall. Eben eher wie ein Job bei der Feuerwehr.

fye:
So ein Quereinstieg in die Büroarbeit kann eine Herausforderung sein. Hattest Du keine Bedenken vor „dem Sprung ins kalte Wasser“.
S:
Mein Vorteil war a), dass ich schon PC Kenntnisse hatte, speziell in Excel. Was ich da brauchte, hatte ich mir zuvor alles selbst beigebracht. b) Ich hatte schon immer Nebenjobs. Zum Beispiel habe ich eine Zeit lang Artikel für eine Regionalzeitung geschrieben. Das kam mir in der neuen Stelle sehr zugute. Mein neues Aufgabengebiet war die Auftragsannahme. Da ich den Rahmenbetrieb kannte, waren mir die Fachbegriffe bereits vertraut. Für die Schnittstellen zur Abrechnung gab es dann 2-3 Kurse, um fit zu werden. So bin ich in ein neues Berufsfeld eingestiegen.
Ein Sprung ins kalte Wasser war es aber nicht. Dieser Wechsel war kein spontaner Befreiungsschlag aus einer belastenden Situation heraus, sondern der Abschluss eines längeren Prozesses, der mit vielen Unsicherheiten verbunden war. Ich habe z.B. in den Monaten zuvor einen VHS-Kurs zum Thema „Selbstfindung“ belegt. Der ergab, dass ich gern verwalte, mit Zahlen arbeite, mehr Strukturen und Ordnung suche. Ich habe Bücher zu dieser Thematik gelesen, Messen besucht, mich über Fortbildungsmöglichkeiten informiert und gezielt nach einem Arbeitsfeld Ausschau gehalten, das mir liegt. Als klar war, ich suche etwas im kaufmännischen Bereich, habe ich begonnen, mich im Unternehmen zu bewerben, bis es mit dieser Stelle geklappt hat.

fye:
Der erfolgreiche Wechsel in ein anderes Berufsfeld war offensichtlich nur ein erster Schritt, dem noch viele weitere folgen sollten.
S:
Zunächst habe ich mir ein Jahr „Schonzeit“ für diesen Neustart gegeben. Ich wollte erst mal Routine gewinnen. Außerdem hatte ich noch mit Schlaf- und Müdigkeitsproblemen als Folge des Schichtdienstes zu kämpfen. Aber mir war von Anfang an klar, dass ich nicht einfach nur auf eine andere Stelle wechseln werde, sondern noch einmal ganz neu durchstarten und meine beruflichen Aussichten verbessern will. 2008 habe ich dann parallel zu meiner Arbeit ein berufsbegleitendes Studium an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie begonnen. Ich hatte mich zunächst auch an der Abendschule und Abend-FH eingeschrieben. Die VWA bekam den Zuschlag, weil ich hier die Möglichkeit hatte, ohne Abitur auf den Bachelor hin zu studieren. Es war für mich der effizienteste Weg, um weiterzukommen. Schließlich war ich bereits 28 Jahre alt. Außerdem konnte ich mir durch die Auswahl von Themenschwerpunkten alles aneignen, was ich brauchte, um in der Verwaltung arbeiten und mich in diesem Bereich weiterentwickeln zu können. Mein erster Abschluss innerhalb dieses Studiums war dann auch Finanz- und Controlling Ökonomin, ein Jahr später Betriebswirtin (VWA) und nach 4 Jahren schließlich der Bachelor.

fye:
Das Studium hast Du auf eigene Faust begonnen und auch selbst finanziert. Woher nimmst Du die Energie 4 Jahre neben dem Beruf zu studieren, dich finanziell zu binden, nach dem Job mehrmals in der Woche abends zu den Vorlesungen zu gehen, kaum freie Wochenenden zu haben. Gab es da nie einen Punkt an dem Du gedacht hast, am liebsten würde ich alles hinwerfen?
S:
Eher nicht. Es hat mich gepuscht. Ich war mit vielen Leuten zusammen, die alle was erreichen wollten. Ich war jetzt Studentin und die Studieninhalte fand ich interessant. Unter Leuten zu sein, die wie ich ticken, die neugierig und interessiert waren – das Lebensgefühl hat mich beflügelt. Während des Studiums konnte ich schließlich in den Bereich Buchhaltung/ Rechnungswesen wechseln. Ich hatte erfahren, dass eine Stelle frei wird und mich initiativ beworben.
Eigentlich gab es nur einen Moment, an dem es kritisch wurde. Ich war gerade dabei meinen Bachelor zu machen, als ich die Schwangerschaftsvertretung für meine Chefin übernommen habe, was eine Menge neuer Aufgaben, Personalverantwortung usw. bedeutete. Das war ein Projekt zu viel. Schließlich habe ich ein Semester rangehängt, um mir Luft zu verschaffen und den Bachelor angemessen abzuschließen.

fye:
Jetzt, mit 36 Jahren, hast Du Dein Masterstudium begonnen. Kann man irgendwann nicht mehr aufhören zu studieren? 
S:
Irgendwie schon. Das Bachelorstudium habe ich vor gut 1 ½ Jahre abgeschlossen. Inzwischen bin ich nicht mehr die Schwangerschaftsvertretung meiner Chefin, sondern habe (weil sie sich anders orientiert hat) den Job ganz übernommen. Ich bin nun Referentin für kaufmännische Angelegenheiten meiner Niederlassung geworden. Da musste ich mich erst mal einarbeiten. Ich habe Kurse zum Thema Führung und Kommunikation belegt. Außerdem habe ich die Zeit genutzt und private Aktivitäten nachgeholt, die lange zu kurz kamen: Kinobesuche, ein Tanzkurs, Wochenendtrips usw..

fye:
Hat man ein Privatleben wenn man sich auf so einen Prozess einlässt oder liegt das nach Studienstart wieder auf Eis?
S:
Ich schon, obwohl es jetzt wieder mehr Planung erfordert. Ich sitze ja heute auch hier. Ich versuche regelmäßig Sport zu treiben, mindestens einmal im Monat einen Wellness-Termin einzuhalten und Freunde zu treffen.

fye:
Wenn Du zurückblickst auf Deine berufliche Entwicklung, wünschst Du Dir manchmal alles wäre schneller und geradliniger verlaufen?
S:
Klar denke ich manchmal, hätte ich doch gleich Abitur gemacht. Aber das beschäftigt mich nur noch selten, weil es immer einen Weg gab, der mich weitergeführt hat. 2008 eröffneten sich gleich mehrere Möglichkeiten für mich. Ich war, um keine Frist zu versäumen, temporär bei 3 Bildungsinstituten angemeldet, bis ich genau einschätzen konnte, was für mich der geeignete Weg war. Letztlich gibt es heute viel mehr Optionen, sich beruflich weiterzuentwickeln. Viele Studiengänge, die wir heute kennen, gab es vor 10 Jahren noch nicht, ganz zu schweigen von den nebenberuflichen Bildungsmöglichkeiten.

fye:
Was würdest Du anderen raten, die noch vor einer Berufsentscheidung stehen oder mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden sind?
S:
Ich rate, sich für die Berufswahl sehr viel Zeit zu nehmen und zu analysieren: Wo liegen meine Stärken? Was will ich wirklich? Wichtig ist auch mit ganz verschiedenen geeigneten Leuten darüber sprechen. In so einer Situation braucht man keine Bremser, sondern Leute, die erkennen, was man gut kann und einen bestärken. Mir meiner Stärken und Interessen bewusst zu werden, hat mich entscheidend weiter gebracht. Ich denke, dass ist der richtige Weg. Wenn man sich nur Berufsbilder ansieht, nur oberflächlich an die Sache herangeht, wird man sich nicht gerecht.

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